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Sie sind unter uns.

Zombiefilme wie die Tode Terri Schiavos und Johannes Pauls II. drohen den "Überflüssigen".

Von Daniel Kulla



Sie kommen von allen Seiten. Helfen können nur die Spezialeinheit, die Falltür hinterm Tresen oder entschlossenes Töten auf eigene Faust. Sie sind noch nicht tot (oder nicht mehr), aber sie bewegen sich schwerfällig, humpelnd; haben glasige Augen und sehen verwahrlost aus. Ihre Sprache ist einem Röcheln gewichen. Der Kontakt mit ihnen ist ansteckend, zieht unweigerlich den eigenen Verfall ins Halbtote nach sich. Sie zu meiden und wenn möglich umzubringen, ist oberstes Gebot. Ob ihnen selbst ihre Existenz etwas bedeutet, ob es sich überhaupt noch um schutzwürdiges Leben handelt - diese Fragen stellt niemand.


Wer sind die Zombies?

Es wird öffentlich gemeint und mitgefühlt. Eine amerikanische Wachkomapatientin ist noch nicht tot, dennoch wird ihr Bild allenthalben mit der keineswegs böse gemeinten Bemerkung quittiert, dass "es doch irgendwann nur noch Quälerei wäre", oder - noch viel häufiger - "sinnlos". Terri Schiavo scheint regungslos, starrt mit leerem Blick aus unzähligen Medien. Ihre Selbstwahrnehmung interessiert nur in der Interpretation ihrer Angehörigen, wobei sich die Öffentlichkeit zügig auf die Seite ihres Mannes schlägt, der "weiß", dass sie auf diese Weise nicht mehr leben will. Schließlich entscheidet die Justiz, das Wachkoma zu beenden und damit ein Leben, das nur noch die christliche Rechte und die Behindertenverbände für lebenswert hielten.

Über Wochen hinweg wird das päpstliche "Sein zum Tode" Gegenstand globaler Aufmerksamkeit. Im Leiden des kranken alten Mannes wird ein essentielles Element der christlichen Religion wahrgenommen. Selbst bisher als überwiegend weltlich bekannte Zeitschriften schmücken sich mit dem durchhaltenden Chefkatholiken, der sich immer weniger und bald gar nicht mehr bewegt, dessen Segen auch mit viel Phantasie aus dem röchelnden Gemurmel nicht herausgehört werden kann, der zusehends entrückt wirkt. Das öffentliche Leiden wird durch Mitleid der Öffentlichkeit beantwortet: diese hofft (und betet), der Papst möge bald sterben, um von seinem Leid erlöst zu werden. Als sein Tod auf dem Petersplatz bekanntgegeben wird, spenden Tausende in der Menge Applaus - eine milde Gabe.


Leben und sterben lassen

Hatten die Christen in den USA noch das Lebensrecht verteidigt, das ihre Religion einst der jüdischen entnommen hatte, fiebern sie nun einem erlösenden Tode entgegen, der ihr höchsteigener Glaubensinhalt ist. Und liefern so Munition für die in der Krise wieder aktuell werdende Debatte über den Wert des Lebens, deren Widersprüche sich im populären Film abbilden.

Die ersten Untoten des Kinos waren die aus der Literatur bereits bekannten einzelnen Vampire, Adlige, die trotz ihres Todes ihren Besitz nicht hergeben wollten und so zum Inbegriff der bürgerlich-revolutionären Propaganda gegen die "Blutsauger" wurden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte sich das Feindbild: nicht mehr der bedeutungslos gewordene Adel, sondern die "dumpfe Masse" sorgte für bürgerlichen Grusel bei Groß und Klein. Die Buchvorlagen lieferte nun die neoliberale Vordenkerin Ayn Rand, in deren Schilderungen sich der freie, unternehmerische Einzelne vom gleichmacherischen Kollektiv schon äußerlich dadurch abhebt, wirklich lebendig zu sein. Die Bolschewisten in ihrem semiautobiographischen Roman We The Living zeichnen sich durch plumpe Bewegungen und geistlosen Blick aus, beständig sind die "lebendigen" Protagonisten auf der Flucht vor dem befürchteten Herabsinken in diese "Masse".

Im Genre des Zombie-Films, der ab den 50ern zum Bestandteil der Populärkultur wird, ist die Berechnung aufbewahrt, deren Lösung die Nazis 1938 in Bernburg ins Werk setzten. Das vermeintliche Überhandnehmen ansteckender Kranker, deren biologisches Versagen die ganze Rasse besudelt und herabzieht und welche deshalb auch gegen religiöse und humanistische Einwände ausgemerzt werden müssen. Die Tötenden handeln aus Notwehr, adeln sich gleichsam durch die Tat, erleben in dieser biologischen Säuberung selbst ihre Lebendigkeit.


Die Welt liegt uns zu Füßen, denn wir stehen drauf

In Reproduktion von Szenenbildern bürgerlicher Überlegenheit wie der Wagenburg im Mittleren Westen oder Südafrika verteidigen die jungen Helden, die erst im Laufe der Handlung vom unscheinbaren Alltagsmenschen zum entschlossenen Kämpfer werden, ihre jeweilige Festung gegen die hereinschwappende Flut von Halbmenschen. Die epidemische Logik des Zombie-Films zwingt die bedrängten Figuren dazu, ihre zumeist diffus religiös-moralischen Skrupel abzulegen und den ungeschickten Umgang mit Tötungswerkzeug zu überwinden. Das Produkt des Films sind menschliche Mordmaschinen, die ihr Target nicht mehr infrage stellen.

Jüngstes Beispiel ist der überaus komische und zitatfreudige Film Shaun of the dead aus dem vergangenen Jahr, in dem die sonst meist ausgesparten Übergänge zwischen Lebenden und Untoten wie zwischen Notwehr und Blutrausch betont werden. Am Beginn des Films werden die Mitmenschen der Hauptfigur Shaun, gespielt vom Drehbuchautor Simon Pegg, bereits so zombiehaft dargestellt, dass er selbst wie auch der Zuschauer die schleichende Verwandlung in echte Untote kaum mitbekommt. Bis ignoriert Shaun die Blutspuren, auch wenn er darauf ausrutscht, hält die ausgestreckte Zombiehand für Betteln, erklärt die erste Untote im eigenen Garten für besonders betrunken. Auch als über das Fernsehen zum Töten aufgerufen wird, werden Shaun und sein Kumpel nicht sofort zu Kämpfern. Sie werfen ungezielt mit untauglichen Gegenständen wie Schallplatten, können sich von manchen davon nicht trennen.

In der Schlüsselszene schlagen die Durchschnittsversager mit Knüppel und Spaten auf je einen "Zombie" und werden dabei zu Gewalttätern, die gar nicht mehr aufhören können, ihre bisherige Apathie an den längst ganz und gar Toten abzureagieren. Ab diesem Moment mutiert Shaun zum veritablen Helden. Seine Bewegungen werden, unterbrochen von gelegentlichem Slapstick, sicherer und eleganter. Er beginnt, eine kleine Gruppe von Nichtzombies zu führen und gefällt sich in der Rolle. Seine Freundin, die sich gerade von ihm trennen wollte, empfindet erstmals Bewunderung für ihn. Als schließlich gegen Ende des Films gegen die nicht mehr aufzuhaltenden "Zombies" Billardstöcke, Dartpfeile und ein Gewehr zum Einsatz kommen, wird das Ganze von Queens euphorischem "Don't stop me now cuz I'm havin' such a good time" begleitet. Auch der Abspann, nach der wundersamen Rettung der wieder Verliebten durch Biohazard-Truppen, beginnt mit der Stimme Freddie Mercurys: "Oooh, you're makin' me live..."

Dabei bleibt den gesamten Film hindurch das Target unscharf. Als die Protagonisten beginnen zu töten, wissen sie nur aus dem Fernsehen, dass es sich bei den seltsamen Gestalten in ihrem Garten um Lebewesen handelt, die eine solche Gefahr darstellen, dass sie nur durch ihr Ableben aufgehalten werden können. Andererseits demonstriert der Abspann, wie nach dem "Z-Day" die weiterhin nur ironisch als Zombies Titulierten nützliche Mitarbeiter im Dienstleistungssektor, Teilnehmer in Gameshows und auch Familienmitglieder werden oder bleiben können. Was die Untoten von Toten und Lebendigen unterscheidet, wird bewusst offen gelassen. So bleibt das Bild von zunächst gefährlich Wertlosen bestehen, die erst am Leben bleiben dürfen, wenn sich ihre Verwertbarkeit herausgestellt hat.


"erkannt - benannt - verbrannt" (Kettcar, "Einer")

In den Schulbüchern der Nazis fungierten Behinderte als Kostenfaktoren in Multiplikationsaufgaben. Sofern sie keinen Wert erzeugten - und Mitleid wie Almosen galten wohl nicht mal zum Zwecke der Gewissenserleichterung als Wert - ergaben die Berechnungen nur den einzusparenden Ausgabenbetrag. Auf dem Höhepunkt der Volksgemeinschaftsidee galten alle, die nicht im gesunden deutschen Gleichschritt getaktet waren, als Verwertungshemmnisse: Juden, Homosexuelle, Nichtsesshafte. Das Kollektiv der Identischen war hauptsächlich identisch im Nutzen, in der reibungslosen Ausbeutbarkeit.

Besonders Kommunisten, sofern sie sich quasi bewusst zu Untüchtigen erklärten, sich absichtlich der Verwertung verweigerten und solches auch anderen nahe legten, wurden als Ansteckungsherde begriffen. Hier tritt auch die Nähe des Nationalsozialismus zu volksgemeinschaftlichen sozialistischen Bewegungen und Staaten besonders deutlich hervor: Die Aussonderung derer, die nicht "funktionieren", ihre Pathologisierung und Hospitalisierung als Vorstufe zu ihrer Vernichtung, kann als Kriterium für die Faschisierung einer Gesellschaft betrachtet werden.

Wenn Bedürftige um Hilfe bitten, lässt die "Kälte des bürgerlichen Subjekts" (Adorno) oft nur den wimmernden Klang einer Bitte um Gnadentod ans Ohr dringen. Dies umso mehr, als in der Krise die Konfrontation mit dem Elend so direkt wird, dass sich das sonst gepflegte Bild vom "glücklichen Armen" nicht mehr aufrechterhalten lässt. Die unausweichliche Wahrnehmung unerträglich eingeschränkter Lebensbedingungen führt jedoch nur selten zu der Überlegung, wie sie erträglich zu machen wären; meist jedoch zur Gewissheit, dass ein solches Leben keines ist und demnach aus bestem Mitgefühl beendet werden sollte, ja muss.

In Ermangelung einer nennenswerten Bewegung, die das Kapitalverhältnis positiv aufheben wollte und könnte, stellt die Organisation der Überflüssigen, im modischen Jargon: der Prekären, neben wackligen Verbündeten wie den religiösen Moralisten den einzigen Schutz dar vor denjenigen, die sie wegen des "Sparzwangs" als Kostenfaktor einsparen möchten und denjenigen, die diese Logik mit dem Baseballschläger exekutieren. Staatliches Giftgas hingegen konnte damals wie heute nur von kriegerischer Intervention gestoppt werden.

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