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Daniel Kulla
SID MEIER’S
FANCLUB PARTY.
Das nennt man Rollenwechsel. Der Film geht
weiter und die
Zuschauer merken nicht das Geringste.
“Tüte war mal in Berlin und hat jetzt so `ne Location hier
aufgerissen. Irgendso’n besetztes Abrißhaus, wo Se heute `ne
Civilization-Party
machen.”
Meine Hand drückt die Tür auf, ich betrete die Party und
wieder kommen mir viele Gesichter vertraut vor.
“Was für 'ne Party?” frage ich.
Noch auf dem ersten Meter frage ich einen blonden
Laptopträger nach einer Zigarette, weil mir Tanjas Kuß fehlt. Er sagt,
er
raucht nicht.
“Das is’n Computerspiel, auf das ein paar Leute voll
abgehen, so schon eher suchttechnisch und so.”
Wieder betreten ist nicht betreten, du steigst nicht zweimal
in dieselbe Veranstaltung.
Und schon gar nicht in eine andere.
“Wenn de willz, kannze ja mit zu mir komm und das Spiel ma
antestn. Ar is ni ohne, nur daßte vorgewarnt bist.” Daraufhin spielte
ich den
ganzen Nachmittag Sid Meier’s Civilization II. Und den ganzen Abend,
obwohl es
noch zwei andere Spiele gab, die ich hätte kennen müssen, um die Party
einigermaßen zu verstehen.
Einen weiteren Meter hinter dem Nichtraucher steht ein
improvisierter Einlaß mit zwei Halbwichtigmännern vor ihren
Bildschirmen. Auch
hier wird gecivt, und erst jetzt, als ich sichtbar vor ihnen
stehenbleibe, sagt
mir einer der beiden: ”Der Eintritt is Benefiz für die Suchthilfe.”
”Äh, is das echt so schlimm?” frage ich verblüfft.
”Wenn du dich n bißschn umhorschst, findest du drinne son
paar Kunden davon da, die so erste Beratungsstunden übernehmen, wenn‘s
wer
selber noch gar ni gemerkt hat.”
Ich lasse ihnen einen Fünfer daliegen und nehme mir ein
kleines tintengestrahltes Heftchen mit, das ”Das Sid Meier Erbe” heißt
und dem
Untertitel nach aus einer amerikanischen Huldigung übersetzt wurde. In
der
Mitte aufgeschlagen ein Zitat vom Meister: “Dinge, die in Filmen
funktionieren, sind dazu gedacht, dich mit etwas zu beeindrucken, was
jemand
anders tut. Ein gutes Spiel beeindruckt mit dem, was du selbst tust.”
Das hat er so gut hinbekommen, daß die Gefahr besteht, daß
das, was andere tun, irgendwann völlig uninteressant zu werden scheint.
Die
Opfer des genialen Verführers – bin ich nicht gerade selbst auf den Weg
geschickt worden? An die Nadel gehängt, in diesem Fall also an die Maus
und die
Flimmerkiste.
Ich bin gespannt, wie die Junkies drauf sind, vielleicht
besonders, weil mir schon die kaum fünf, naja, sechs, eher sieben
Stunden, die
ich vorm Rechner hing, klarmachten, daß ich über kurz oder lang dazu
gehören
könnte. Bemerkenswert simples und funktionelles Design der grafischen
Elemente
umrahmte ein zwingendes, gigantisches Schachspiel mit komplexen
strategischen
Möglichkeiten und dem erkennbaren Anspruch, die Geschichte der
menschlichen
Zivilisation abzubilden. Sid Meier ist nicht der begabteste
Programmierer,
den die Welt bisher gesehen hat. Er liegt nachts nicht wach und knobelt
die
erlesenst optimierte 3D-Engine aus, genausowenig benötigt man die
letzten
Stand-der-Dinge-Rechner, um die Spiele zum Laufen zu bringen –
merkwürdig in
einem Industriezweig, der davon besessen ist, das Gehäuse bis zum
Platzen
vollzustopfen.
An mir werden civende Laptops vorbeigetragen, hier und da
vor dem Hintergrund von Screenshots, die an die Wand gebeamt werden.
Eine
Projektion zeigt die Farbbalken einer Umfrage in einem Onlineforum:
“Deine
Kaufentscheidung bei Strategiespielen ist von folgenden Faktoren
abhängig.” Die
meisten legten Wert auf Komplexität, Spieltiefe und intelligente
Computergegner, kaum jemand auf Effekte oder Kurzweiligkeit. “Ich
vermisse
irgendwie die Zeiten, in denen Spiele nur nach ihrer Spielbarkeit
beurteilt
wurden.” Leute in liebevoll zusammengestellten Kostümen aus
früheren
Epochen laufen umher, vor allem knapp beschürzte und kantig frisierte
Pharaonensklaven-Lookalikes.
Ich frage mich nach der Suchthilfe durch und bekomme sehr
freundliche Auskünfte. Merken sie mir das schon an? Oder sind die hier
so nett?
“Leute mit Design oder Persönlichkeiten zu beeindrucken
oder womit auch immer Filme transportiert werden, funktioniert bei
Spielen
nicht, da es vom Spieler ablenkt, der eigentlich der Star ist. Je mehr
der
Spieler der Star ist, desto besser ist das Spiel.” Im angesteuerten
Raum
ist ebenfalls ein Umfrageergebnis zu sehen, aus dem selben Forum, hier
aber zur
Frage: “Warum werden die Spiele vom Herrn Meier gespielt?” Manche
wählten die
Optionen “Abreaktion”, “aus dem selben Grund, aus dem ich Schach
spiele” oder
“Völker ausrotten, die Weltherrschaft erringen”. Die mit Abstand größte
Fraktion bildet jedoch die simple Antwort: “Sucht.”
Neben der Projektion finde ich einen Tisch, auf dem mehrere
der Sid-Meier-Broschürchen und einige Bücher feilgeboten werden:
”Civilization
Manual”, ”Civilization II Manual”, ”Sid Meier’s Alpha Centauri”. Ich
schau die
Bücher durch und sage beiläufig zu dem netten Hippie, der den Tisch zu
betreuen
scheint: ”Bei den Büchern hier und nach den Äußerungen des Herrn Meier
ist es
aber schon kein Wunder, daß ihr alle abhängig seid, oder? Also: consider turning a friend on to
Civilization II, arguably the greatest game ever designed.”
Er wird überraschend sauer und sagt ernst: ”Wer hat denn den
Krieg begonnen? Niemand bereitet die Kids auf Sucht vor, ganz zu
schweigen
davon, daß es sich hier um ein irrsinnig potentes Suchtmittel handelt.”
Ein gelangweilt wirkender Pulloverträger wirft ein: ”Ist es
nicht so, daß die Leute gerne Computer spielen? Dazu muß sie doch
keiner
zwingen. Die spinnen, die Zocker.”
Der Hippie geht gar nicht drauf ein, sondern behält mich
beim Wickel: ”Das mag für viele stimmen, aber nicht für die täglichen
User und
die Mittellosen, die wollen nur irgendwo rein und es bezahlen können.”
”Und wer führt diesen Krieg nun?” will ich wissen.
”Tu doch nicht so, als wäre das eine Verschwörungstheorie.
Was läuft denn in Amerika ohne die Softwareindustrie? Denen ist schnell
klargeworden, daß Brettspiele und Minesweeper keine Hardwarekäufe nach
sich
ziehen, daß die volkswirtschaftliche Sogwirkung von Games erst bei
harter
Echtzeitanimationskacke einsetzt. Also werden die DOS-Spiele aus den
neuen
Betriebssystemen verbannt, eigentlich gibt es nicht mal mehr die
Befehlszeile,
mit denen die alten Spiele gestartet werden können.”
”Ich denke, Sid Meier baut eben nicht solche aufwendigen
Spiele, für die man nachrüsten muß.”
“Das hat schon gestimmt, als dieses Heftchen hier
geschrieben wurde. Es gab nichtmal einen Kopierschutz für CivII, bei
CivI war
er mit einiger Kenntnis des Spiels leicht zu knacken. Aber als alle
endgültig
angefixt waren, kam der dritte Teil raus, der sicher eine
Weiterentwicklung
ist, das bestreite ich gar nicht. Er verlangt nur in der späteren
Spielphase
eine sehr gute Maschine, damit nicht jede Runde mehrere Minuten dauert.
Unverantwortliche
Entwicklung.”
Der Zweifler wieder: “Ich bestreite, daß es eine
Weiterentwicklung ist, Alpha Centauri war in jeder Hinsicht schon viel
weiter.
Civ3 ist nicht nur ein Aufrüstungsdruckmittel, es verschleppt auch die
Evolution der Strategiespiele, die bis vor zwei, drei Jahren viel
rasanter
verlaufen ist.”
“Aber es gibt doch Phasen von eher inhaltlichem und von eher
technischem Fortschritt, das ist doch völlig normal”, versuche ich eine
letzte
Attacke. “Ist den Spielentwicklern überhaupt klar, wie süchtig die User
sind?”
“Schwer zu sagen”, sagt der Standbetreuer.
“Letztlich schon”, sagt der Einwerfer. “Es wird ihnen
aufgefallen sein, daß sie nicht nur ihre offiziellen Szenario-Updates
massenweise verkauft haben, sondern sogar Zusammenstellungen
lausigster,
halbfertiger Szenarien aus dem Netz.”
Der Standmann beharrt: “Nein, das sagt gar nichts, die
Leute, die süchtig sind, bauen sich pro Woche selbst zwei Szenarien,
die kaufen
sich solchen Schrott gar nicht. Das ist auch der Punkt an Civilization
gegenüber Alpha Centauri: es gibt einen wesentlich besseren Editor, mit
dem
jeder selbst neue Spiel mit neuen Regeln bauen kann. Gerade dieser
Editor ist
bei Civ3 erst zur Reife geracht worden. Daher ist auch die Werbung für
die
erste Erweiterung gar nicht übertrieben: Play the world! Vor allem:
Spiel deine
eigene Welt.”
Mir dämmert der Haken: “Moment, würdest du sagen, daß es
eine tolle Sache ist, daß jeder in seiner eigenen Welt spielt?
“Ja, es trainiert die Wahrnehmung der wirklichen Welt. Einen
Schritt zurücktreten und Varianten ausprobieren. Was wäre, wenn...”
“Dann sind Civheads doch aber auf eine sehr produktive Weise
süchtig. Ist das dann überhaupt ein Problem?”
Es wirkt, als würde der Standmann merken, wie sein Fuß in
einer Falle feststeckt: “Tja, sekundärer Krankheitsgewinn. Hm, keine
Ahnung.
Das ist aber bei anderen Suchtgeschichten ähnlich schwer
auseinanderzuhalten.
Es leuchtet sofort ein, daß es einen Unterschied gibt zwischen den
unzähligen
Leuten, die von Hasch gut draufkommen und sensibler und friedlicher
werden und
den paar Kandidaten, die sich wirklich irgendwann das Gedächtnis und
den
inneren Antrieb wegkiffen. Trotzdem weiß keiner, wo die Grenze
langläuft und
was zu tun ist.”
“Also würdest du sagen, daß die Suchtgefahr bei Civ nicht
größer ist als bei Dope?” frage ich.
“Na doch. Es gibt nur wesentlich mehr kontrollierte User,
die mit dem Umstand, daß sie von dem Spiel nicht mehr loskommen,
irgendwie
schöpferisch umgehen können. Das versuchen wir ja auch zu ermutigen.
Entzug ist
praktisch unmöglich. Er ist noch nicht vorgekommen.”
Peinliche Gesprächspause. Es läuft leider auch keine Musik,
die die Ratlosigkeit übertönen würde. Die Gäste reden leise und sehr
zurückhaltend miteinander, die Herumlaufenden sind auch hier
überwiegend
altägyptisch gewandet.
Ich frage den Zweifler: “Was ist das Ding an Alpha Centauri?
Wieso meinst du, das wäre schon weiter gewesen?”
Er wendet sich zum Gehen und winkt mich hinter sich her. In
einem Verbindungsgang steht auf einer Kinostuhlreihe sein Rechner und
wir
nehmen Platz.
“Hier siehst du den Innenpolitik-Bildschirm. Und der zeigt,
daß die Editoren bei Civilization Dreck sind, da sie dich die wirklich
interessanten
Dinge gar nicht ändern lassen. Wieviel Möglichkeiten der Innenpolitik
gab es
bei Civ?”
“Äh, ich hab es heute zum ersten Mal gespielt, ich denke,
ich konnte zwischen sechs oder sieben Regierungsformen wählen und dann
noch mit
der Verteilung des Handels auf Steuern, Luxus und Forschung ein bißchen
dran
drehen.”
“Genau. Dazu kannst du in den Städten einige Leute zu
Spezialisten machen, die sich dann nur der Forschung oder nur der
Steuereintreiberei widmen.”
“Das hatte ich noch gar nicht gewußt.”
Er wandert mit der Maus über das rechte Viertel des
Bildschirms, das eine Liste zeigt: “Okay, aber hier ist das alles
komplexer
gelöst. Du hast eine Modelltheorie, wenn du so willst. Es gibt zehn
Variablen,
die einen klar definierten Einfluß auf deine Gesellschaft haben.
Wachstum gibt
das Tempo des Bevölkerungswachstums an, Effizienz zeigt an, wieviel von
den
erschlossenen Ressourcen wirklich umgesetzt wird und wieviel als
Korruption
verloren geht und so weiter.”
Jetzt klickt er im linken Teil herum, wobei sich die Werte
der Variablen ändern: “Du hast die Möglichkeit, deine Politik zwischen
Demokratie, Fundamentalismus oder Polizeistaat umzustellen. Jede dieser
Einstellungen verändert die Variablen, jede hat Vor- und Nachteile und
ist für
bestimmte Situationen sinnvoll und für bestimmte nicht. Wirtschaftlich
kannst
du zwischen Freier Marktwirtschaft, Planwirtschaft und Grüner
Wirtschaft
wählen, wiederum werden einige Variablen positiv und andere negativ
beeinflußt.
Marktwirtschaft erhöht deine Zinserträge und die Handelseinnahmen
dramatisch,
sorgt aber für krasse Umweltzerstörung und für Aufruhr unter der
Bevölkerung.
Planwirtschaft erhöht das Bevölkerungswachstum und die
Arbeitsproduktivität,
verschlechtert aber wiederum die finanzielle Ausbeute. Jetzt zieh dir
die
Editorenmöglichkeiten hier rein: Wenn du meinst, Planwirtschaft ist
doch aber
eher mies für die Arbeitsproduktivität, dann kannst du das ändern.”
“Oh ja, darüber bin ich erst belehrt worden.”
“Der Punkt ist also, daß der Civilization-Editor eine richtige
Windows-Maske mit schicken Tools ist, daß du hier jedoch viel tiefer in
die
Funktionen des Spiels hineinkannst.”
Er schließt den Bildschirm und geht aus dem Spiel raus.
Während er ein Szenario lädt, erklärt er: “Außerdem sind auch die
Spezialisten
frei belegbar, welche Faktoren sie wie stark positiv und negativ
beeinflussen.
Jetzt”, der Ladevorgang ist abgeschlossen, “schau dir mal diese kleine
Bastelei
an. Ich habe CivII auf Alpha Centauri gelegt. Die Grafik sieht aus wie
Zukunft
und Centaurioberfläche, ein paar Standardwerte ließen sich nicht
verändern,
aber sieh dir mal die Innenpolitik an.” Er drückt auf E und der
Bildschirm von
vorhin ist wieder zu sehen, diesmal jedoch mit leichten Veränderungen.
“Ich
habe die Variablen umbenannt, aber sie haben noch dieselbe Wirkung. Das
wäre
auch mal noch fett, naja. Um civilizationmäßig durch die letzten 6000
Jahre zu
schlingern, sind natürlich andere Modelle angezeigt. Es war leicht, aus
drei
möglichen Einstellungen vier zu machen, in dem ich die ‚Nichts‘-Option
auch
belegt habe. Die Wirtschaftsmodelle sind Tauschwirtschaft, Agrarkultur,
Stadtkultur und Industriegesellschaft. Die Politik ist zwischen
Despotie,
Aristokratie, Republik und Massenpartei wählbar. Dazu Werte und
Prinzipien, das
hält für die Dauer menschlicher Geschichte bei Laune. Ich kann
Kombinationen
ausprobieren, aber die ausgewogenen spielen sich am besten, weil der
Gegner sie
eben auch benutzen kann.”
“Also trainiert auch ein Spiel, bei dem die zukünftige
Besiedlung eines fernen Planeten geschildert wird, den Spieler für die
Welt, in
der er lebt?”
“Wenn er Regeln ändert und sich der Vorgänge bewußt wird.
Auch in der unveränderten Fassung ist Alpha Centauri
bewußtseinstechnisch der
Hammer. Du kannst mit deinen Einheiten Gelände senken oder anheben, um
die
Niederschläge zu beeinflussen. Die technologischen Fortschritte, die du
erzielst, sind gut dokumentierte Zukunftsprojektionen von
Quantenmechanik,
Retrovirentechnik und magischer Spiritualität. Es wird einem egal
Nietzsche um
die Ohren gehauen, aber auch originale AC-Sprüche wie: Gott würfelt
nicht nur
mit dem Universum, er schummelt sogar.”
Ich beobachte zwei ägyptisch verkleidete Mädchen, die sogar
Spachtel und einen Zirkel mit sich tragen. Ich bitte meinen Guide um
eine
Zigarette, aber auch er raucht nicht. “Ich muß mal verdauen gehen”,
sage ich
und gehe in einem großen Bogen zum Eingang zurück. Meine Fresse, noch
mehr
Sowohl-als-auch-Gedanken, diesmal aus einer völlig anderen Richtung,
der Welt
der Strategiespielsüchtigen. Kratze an irgendetwas und du bekommst
irgendetwas
anderes. Das dir wiederum etwas anderes völlig neu beleuchtet.
Draußen steht der Baß von den Aufschneidern und raucht. Er
ist erfreut, als ich ihn anschlauche: “Ich dachte schon, ich bin hier
unter den
Mönchen.”
“Ägyptische Priesterschaft”, antworte ich und laß mir die
Kippe von ihm anstecken. “Es sieht von hier wirklich so aus, als würden
sie das
Haus gerade erst bauen. Die rennen hier überall mit Handwerkerequipment
rum.”
“Tja, authentische Partys sind echt selten”, sagt der Baß.
“Ich bin auch eher hier, weil ich die Sache gut finde, die Figuren hier
sind
mir viel zu korrekt.”
“Ist aber seltsam, ich dachte, der Bewußtseinsflash hätte
sie auch lockerer gemacht.”
“Nee, es is eher so, daß sie in die p.c.-Falle getappt sind.
Sie haben komplexe Zusammenhänge gezeigt bekommen und jetzt wollen sie
bloß
nichts mehr kaputtmachen. Hast du sie reden gehört? ‚Macht es dir etwas
aus,
wenn ich dir eine Frage stelle?‘ Hoho.”
“Schade, das hier in lustig wäre echt cool, glaube ich.”
“Denke ich auch, aber p.c. ist halt echt eine Plage. Später
werden uns unsere Kinder fragen, was denn p.c. war und wir werden ihnen
erklären, daß es darum ging, politisch korrekt zu sein, was in der
Praxis hieß,
daß niemand lachen durfte. Außerdem kommt noch dazu, daß es ein
ziemliches
Geschlechtermißverhältnis gibt. Mittlerweile sind hier zwar auch ein
paar
Mädels, aber das war bisher nicht so und auch jetzt sind sie eine
kleine
Minderheit. Und sexuelle Unerfahrenheit sorgt für noch mehr
Porzellanladen-Atmosphäre.”
“Und das in der gleichen Stadt, in der gestern so
erstaunlich abgegangen wurde.” Ich hebe beschwörend die Arme und gehe
wieder
nach drinnen. Mir fällt auf, daß ich mich noch gar nicht in den oberen
Stockwerken umgesehen habe, also steige ich die Treppen hinauf und sehe
weiter
überall Laptops und stille Spieler, dazwischen hin und wieder einen
Ägypter.
Im dritten Stock ist es plötzlich laut, ein monströses
Gedröhn aus Voodootrommeln kommt mir entgegen, aus der Nähe erkenne ich
die
Backgroundmusik von CivII, allerdings schon ein bißchen durch den Mixer
geschoben. Als ich endlich an die Quelle der Beschallung vorgedrungen
bin, ist
es ruhig, der Remix ist verstummt. Dann flashen an den Wänden Replays
des
Einsatzes von Atomwaffen im Spiel auf und ein sehr fetter Hardcoresong
setzt
ein.
There's a
war in the day no peace at night, there's blood on the hands of man
Im größtmöglichen Zoom wird gezeigt, wie im
Spiel drei
Handels-LKWs auf ein Transportschiff verladen werden, das in See sticht
und
sofort von einem Kreuzer versenkt wird. Ein Diplomatiebildschirm ist zu
sehen,
auf dem ein böser Chinese die Technologie der Massenproduktion fordert
und mit
der Auslöschung der Zivilisation des Spielers droht.
But the
violence won't decrease unless our murders cease
Die Einblendung: “Der Engländer hat den
Waffenstillstand
gebrochen” wird weggeklickt, es folgen endlose Attacken offenbar
englischer
moderner Reiterei auf herumstehende Siedler und Städte.
Well I've
tried the best I can
I've tried
to understand
Civilized
man so-called civilized man
Die Einblendung: “Engländer aktivieren
Bündnis mit den
Babyloniern. Babylonier erklären Krieg gegen Ägypter!” wird
weggeklickt. Die
Ägypter, wohl die Zivilisation des Spielers, werden nun von den
Babyloniern
angegriffen, wo immer sie in Reichweite sind. Weitere Schiffe werden
versenkt,
Bewässerungsanlagen zerstört, in einigen Städten werden von Saboteuren
Tempel
und Fabriken zerstört.
Yes I've
tried the best I can
But who can
understand
Civilized man?
Jetzt erst wende ich den Blick von den
Wänden ab und sehe
richtige Hardcoreleute, die richtig abgehen und mitschreien, daß sie
erfolglos
zu verstehen versucht haben. “Ich dachte, ich bin im Porzellanladen”,
sage ich
mit erleichterter Begeisterung zu einem Mädchen, das so wie ich am
Rande der
Tanzfläche mitwippt, “aber hier sind endlich auch die Elefanten.”
“Um die zu bauen, muß man erst Polytheismus entdecken. Und
p.c. ist für die Softies da unten der einzige Gott.”
“Äh, wow, ja, äh”, formuliere ich meinen Gedankengang dazu,
“allein der Umstand, daß es hier Musik gibt...”
“Yeah, sie sind mechanisch ans Geflacker angeschlossen, sie
haben vergessen es zu genießen, mit den Sinnen, dem Verstand, der Wut,
den
Ohren, yeah.”
“Ist ja bei der Suchtgefahr auch nicht ganz so einfach, wie
ich gemerkt habe.”
“Ach”, sagt sie verächtlich und schaut mich das erste Mal
richtig an. Was ich wohl für einer bin? Weiß ich auch nicht, obwohl ich
mit dem
ausgeborgten T-Shirt des coolen Aufschneiders gut getarnt bin. Es
scheint zu
funktionieren, ich bin für würdig befunden, es von ihr erklärt zu
bekommen. So
ist das nämlich: “Du weißt doch, daß Hardcore das beste Mittel ist, mit
krassem
Zeug fertigzuwerden. Alles, was du an einer Sache nicht klarkriegst,
kannst du
rausschreien und raustreten und rausfuchteln. Das hilft bei Drogen
genau wie
bei Politik und Sex. Aber du mußt den Kanal freilegen.”
Das T-Shirt war offenbar überoptimal ausgesucht worden,
obwohl ich mir unter dem Aufdruck Boysetsfire gar nichts hatte
vorstellen können. Die energische und sachkundige junge Dame hängt mir
plötzlich am Ohr: mit der Zunge: mit den Zähnen: am Ohrläppchen: an der
Ohrmuschel: am Trommelfell.
Es ist diesmal mein Satz: “Bereit, wenn Sie es sind.”
Ich läßt von meinem Ohr ab und sieht mich durchdringend an,
dann faßt sie meine Hand und zieht mich hinaus.
Auf dem Hof plumpsen wir in eine Ecke, sauber? schulterzuck,
bequem? schulterzuck, und sie versenkt ihre Zunge tief in meinen
Gehörgang.
Meine Augen wandern über das Haus, ich wundere mich über die Form, über
die
betriebsamen Ägypter überall, von denen hier draußen noch mehr zu
beobachten
sind, ich weltwundere mich über die Form, die sie dem Haus geben und
erkenne
eine entstehende gelbe Pyramide, bevor ich die Augen schließe und erst
viel
später wieder öffne.
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